
Wir befinden uns in der Stuttgarter Staatsoper, während des dritten Akts von Turandot. Der Es-Moll-Akkord, in einem Umfang von vier Oktaven, verklingt allmählich und beschließt die melancholische Klage über Liùs Tod. Nach einer langen Pause setzt das Orchester anstelle des Doppeltons, der die von Franco Alfano vollendete Schlussszene einleitet, die Melodie in As-Dur ein, mit der der Liebestod aus Tristan und Isolde beginnt. Harmonisch betrachtet wäre der Übergang vom ersten Moll-Ton zum vierten Dur-Ton eine interessante dorische Plagalbeziehung, aber was hat das alles mit Turandot und mit Puccinis Musik im Allgemeinen zu tun? Die Antwort ist einfach: Jemand im Theater muss auf Wikipedia gelesen haben, dass Puccini die Formulierung poi Tristano (dann Tristan) auf einer der 36 Seiten Skizzen für das unvollendete Finale der Oper notiert hatte. Alle bedeutenden Puccini-Opernforscher, von Mosco Carner über Julian Budden, William Ashbrook und Michele Girardi bis hin zu Jürgen Maehder, der die Skizzen zum Finale in einem ausführlichen Essay analysiert hat, sind sich einig, dass diese Aussage nicht interpretierbar ist und keinesfalls auf eine dramaturgische Lösung im Wagner-Stil anspielt. Denn Puccini ließ das Problem offen, wie die Offenheit der Principessa di gelo für die Liebe glaubwürdig dargestellt werden sollte. Daher ist die Idee, die Oper mit dem Liebestod zu beschließen, schlichtweg absurd und sinnlos. Punkt.

Was andere Aspekte dieser Neuinszenierung von Puccinis letzter Oper betrifft, deren Uraufführung in diesem Jahr ihr hundertjähriges Jubiläum feiert, so hat die Staatsoper Stuttgart die Regie der 47-jährigen Alma-Sophie Mahler anvertraut. Sie beauftragte Katrin Connan mit dem Entwurf eines Bühnenbildes, das dystopisch-alptraumhaft wirkt: ein karger Innenraum mit einem Krater in der Mitte, der eine Mine oder ein Bombenkrater sein könnte, und eine Öffnung in der Decke, aus der eine tropfenförmige Metallkapsel herabfährt, aus der Turandot im zweiten Akt erscheint. Der Chor ist in den Hintergrund verbannt und wird von zwei Roboterhunden bewacht, die gleichzeitig als Folterer fungieren. Ein durchaus eindrucksvolles Bühnenbild, das leider nicht durch eine adäquate schauspielerische Leistung ergänzt wird: Der Chor blieb die ganze Zeit über unbeweglich und hob lediglich die Arme im Stil des 19. Jahrhunderts, während die Figuren ohne jegliche individuelle Charakterisierung auf der Bühne auf und ab gingen. Eine Theaterregie muss sich mit der Schaffung kohärenter und vollständiger menschlicher Porträts befassen, und davon war in dieser Inszenierung nicht die geringste Spur zu finden.

Musikalisch demonstrierte Valerio Gallis Dirigat profunde Kenntnisse der Partitur und eine große Intensität des Erzählrhythmus. Der 46-jährige Kapellmeister aus Viareggio gilt heute als einer der führenden Puccini-Experten und hob die harmonische und instrumentale Fülle, mit der Puccini in seiner letzten Oper seinen Platz unter den größten europäischen Komponisten seiner Zeit endgültig untermauerte, glanzvoll hervor. Einziger Makel seiner Interpretation war der übermäßige Fortissimo-Orchesterklang, der die Stimmen mitunter übertönte. Unter der Besetzung stach die Hauptrolle, gesungen von der polnischen Sopranistin Ewa Vesin, hervor. Sie verfügte über eine voluminöse, klangvolle Stimme mit strahlenden, leuchtenden Höhen. Ihre italienische Aussprache wirkte jedoch verwaschen und undeutlich, sodass der Text oft unverständlich war. Der 36-jährige chilenische Tenor Diego Godoy besaß zwar eine kräftige Stimme, die den Anforderungen der Rolle des Calaf gerecht wurde, doch seine Phrasierung wirkte leblos und bedeutungslos. Esther Dierkes’ Liù, von einer Regie, die deutlich kein Interesse an der Figur hatte, sich selbst überlassen, wirkte desorientiert und stimmlich recht unentschlossen. Der polnische Bass Adam Palka hingegen porträtierte einen von Emotionen sprühenden Timur, und das Maskentrio Ping, Pang und Pong, von Shigeo Ishino, Alberto Robert und Joseph Tancredi mit perfekter Balance und Stilgefühl verkörpert, war ebenso exzellent. Das Haus war ausverkauft, und die Aufführung war ein durchschlagender Erfolg. Puccini kann eben immer, die Herzen des Publikums berühren.
Scopri di più da mozart2006
Abbonati per ricevere gli ultimi articoli inviati alla tua e-mail.
