
Die Bayerische Staatsoper nimmt derzeit die 2016 von Johannes Erath konzipierte Inszenierung von Verdis Un ballo in maschera wieder auf. Es handelt sich um eine wohlbekannte Produktion – die auch von einem DVD dokumentiert wurde –, die mich jedoch nie wirklich überzeugen konnte. Ästhetisch gesehen wirkt die Inszenierung auf Dauer monoton und repetitiv; sie ist bevölkert fast ausschließlich von Herren im Frack mit Zylinder und Damen in Abendkleidern. Zusammen mit der durchgehend grauen Farbgebung des Bühnenbilds erinnert dies an deutsche Schlagerfilme der 1930er Jahre, etwa Der Kongress tanzt – so sehr, dass man in der ersten Szene oder im Finale fast erwarten könnte, dass Lilian Harvey auftritt um Das gibt’s nur einmal zu singen. Auch die ständige Präsenz eines Bettes in der Bühnenmitte zeugt von einer Banalisierung des Geschehens durch einen Regisseur, der die gesamte komplexe dramaturgische Bandbreite, die Verdi in diesem Werk angelegt hat, auf eine gewöhnliche Geschichte von Liebe und Verrat reduziert. Das Ergebnis ist eine Inszenierung, die sich an vielen Stellen regelrecht gegen den Charakter des Werks stellt und insgesamt wie eine echte Störung der Musik wirkt. Denn das Hauptmerkmal von Un ballo in maschera ist eigentlich der ständige Wechsel zwischen Sentimentalität, Drama und glanzvollen, spritzigen Szenen. Letztere werden in dieser Produktion jedoch völlig neutralisiert und ihres Sinns beraubt.

Wie in solchen Fällen fast immer, retteten die musikalischen Leistungen den Abend und hoben die Stimmung des Publikums. Dies begann bei der musikalischen Leitung durch Marco Armiliato: Der aus Genua stammende Musiker gilt als einer der erfahrensten und kompetentesten Operndirigenten der Gegenwart – er ist wohl einer der letzten echten Theatermenschen, denen es vor allem darum geht, der Musik und der Bühne zu dienen. Im Gegensatz zur Inszenierung arbeitete sein Dirigat die ständigen Wechsel der Stimmung und der Gefühle, die in Verdis Partitur angelegt sind, perfekt heraus, verlieh den melodischen Entfaltungen sowie der farblichen Palette größtes Gewicht und entlockte dem Bayerischen Staatsorchester stets den authentischen italienischen Klang – was bei deutschen Klangkörpern nicht immer leicht zu erreichen ist. Ein großartiges Beispiel für eine stimmige Verdi-Interpretation.

Wie bei kaum einem anderen Werk aus Verdis Opernschaffen hängt der Erfolg einer Aufführung von Un ballo in maschera maßgeblich vom Tenor ab. Ich hatte Piotr Beczała bereits 2009 an der Berliner Staatsoper Unter den Linden in der Rolle des Riccardo erlebt. Im Vergleich zu damals hat die Stimme des polnischen Tenors etwas an Elastizität eingebüßt; dies fällt besonders in den Passagen mit brillantem Gesang im ersten Akt ins Gewicht, etwa im Finale der Eröffnungsszene oder im Quintett. Unverändert geblieben sind jedoch die Klangfarbe und Resonanz seines Timbres, die stets tadellosen hohen Töne, seine Musikalität sowie die Fähigkeit, die Stimme für nuancierte dynamische Abstufungen einzusetzen. Auf diese Weise werden die emotionalen Facetten und die Leidenschaftlichkeit der Phrasierung äußerst wirkungsvoll herausgearbeitet – eine Leistung, zu der heute kaum ein anderer Tenor in der Lage ist. Insgesamt liefert Beczała eine stimmige stimmliche und darstellerische Charakterisierung dieser komplexen Figur; es ist wohl die einzige Interpretation der Gegenwart, bei der man die großen historischen Tenöre, die sich dieser Partie einst annahmen, nicht allzu sehr vermisst.

Auch die Darbietungen der beiden anderen Hauptrollen waren insgesamt überzeugend. Anna Pirozzi verfügt über eine Stimme, deren Gewicht und Resonanz der Partie der Amelia – von Verdi als echter Soprano di forza konzipiert – gut entsprechen, auch wenn die tiefen Töne bisweilen etwas schwach klingen. Die Sängerin aus Neapel bewältigt selbst die anspruchsvollsten Passagen mühelos und gestaltet die Phrasierung angemessen, wenn auch nicht mit einer allzu ausgeprägten persönlichen Note. Besonders gelungen war die Interpretation der Arie im dritten Akt, die durch feine dynamische Abstufungen und einen treffend ergreifenden Ausdruck bestach. Auch der österreichisch-russische Bariton Boris Pinkhasovich überzeugte in der Rolle des Renato: Er verfügte über eine substanzreiche Stimme und fand den genau richtigen dramatischen Tonfall, was ihm eine gelungene Darbietung der anspruchsvollen Arie Eri tu im letzten Akt ermöglichte. Ebenfalls bemerkenswert war die Stimme der russischen Mezzosopranistin Yulia Matochkina, deren dunkles, tiefes Timbre sehr gut zur Partie der Ulrica passte. Eher blass blieb hingegen die stimmliche Leistung der russisch-amerikanischen Sopranistin Erika Baikoff als Oscar – eine Figur, die zudem durch die Regie in eine Art genderqueer Identität umgedeutet wurde. Die Mitwirkenden dieser musikalisch rundum gelungenen Aufführung ernteten lebhaften Beifall.
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