Staatsoper Stuttgart – Lucia di Lammermoor

Foto ©Martin Sigmund

Die Produktion von Lucia di Lammermoor, mit der die Staatsoper Stuttgart die Spielzeit 2026/27 eröffnete, darf zweifellos als die beste der letzten Jahre im Bereich des italienischen Repertoires bezeichnet werden, die wir an diesem Haus erlebt haben. Eine souveräne und kompetente musikalische Leitung, eine Regie, die den Text zu deuten wusste, ohne ihn zu verfremden, und eine schlichtweg perfekte sängerische Besetzung bildeten die Komponenten einer Aufführung von enormer emotionaler Wucht, die das Publikum restlos begeisterte. Wie in einem jener Fälle, in denen sich alle Puzzleteile auf magische Weise fügen, führte der Ausfall des männlichen Hauptdarstellers während der Generalprobe dazu, dass das Stuttgarter Publikum einen jungen, bis dahin kaum bekannten Tenor aus Osteuropa kennenlernen durfte, der sich als echte Entdeckung erwies.

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Die Inszenierung von Katie Mitchell, die ursprünglich vor zehn Jahren für Covent Garden konzipiert wurde, besticht ästhetisch durch die Raffinesse und Opulenz von Bühnenbild und Kostümen. Die britische Regisseurin – vor allem bekannt für ihre emotional packenden Schauspielinszenierungen, aber auch im Opernbereich sehr aktiv – interpretiert die Geschichte der Lucia hier als eine Art Schauerroman der viktorianischen Ära. Erzählt wird das Schicksal einer jungen Frau, die geistig umnachtet ist, weil sie die sie umgebende Welt ablehnt – eine Welt, in der Frauen durch gesellschaftliche Konventionen zur Unterordnung gezwungen sind. Das von Vicky Mortimer entworfene Bühnenbild ist zweigeteilt: Parallel zur eigentlichen Bühnenhandlung erlebt der Zuschauer eine visuelle Darstellung der Ereignisse, von denen die Protagonisten berichten. Dieser Kunstgriff führt zu höchst emotionalen Momenten, etwa wenn die Szene der Duellforderung simultan zur Ermordung Arturos durch Lucia gezeigt wird, oder im Finale, in dem Edgardo vom Friedhof zu jenem Badezimmer eilt, in dem sich Lucia soeben das Leben genommen hat. Insgesamt ist Katie Mitchells Inszenierung eine intelligente Neuinterpretation der von Donizetti gemeinsam mit dem Librettisten Salvadore Cammarano entworfenen Dramaturgie – schlüssig in der szenischen Handlungsführung und ohne jemals die Bedeutung des Textes zu überlagern. Neben der überaus reizvollen visuellen Ästhetik überzeugte die Aufführung auch durch ein bis ins kleinste Detail ausgefeiltes Schauspiel, das perfekt mit der Musik synchronisiert war – ein Umstand, der bei den meisten heutigen Operninszenierungen nur selten anzutreffen ist.

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Eine derart intelligent konzipierte szenische Deutung harmonierte hervorragend mit der ebenfalls erstklassigen musikalischen Umsetzung unter der Leitung von Andriy Yurkevich, einem seit Längerem in Italien ansässigen ukrainischen Dirigenten. Sein Dirigat zeichnete sich durch eine exzellente Balance und einen weit gespannten Bogen der instrumentalen Begleitung aus; zudem bewies er ein feines Gespür für die theatralische Erzählung und die Abstufung der Orchesterlautstärke, ohne jemals die Stimmen zu überdecken, gepaart mit einem ausgeprägten Stilgefühl und einem tiefen Verständnis für die dramaturgischen Zusammenhänge. Eine wahrhaft herausragende Leistung, durch die Donizettis innovative Instrumentierung in diesem Werk voll zur Geltung kam und eindrucksvoll hervorgehoben wurde.

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Da die Gesangskunst in Lucia di Lammermoor eine zentrale Rolle spielt, war eine exzellente Besetzung – bestehend aus jungen Künstlern, die den Anforderungen ihrer Partien vollauf gerecht wurden – entscheidend für den Erfolg dieser Produktion. Wirklich bemerkenswert war die Interpretation der Titelrolle durch Chelsea Lehnea, eine aus Tennessee stammende 33-jährige Sopranistin, die hier ihr zweites Engagement in Europa absolvierte – nach einer sehr positiv rezensierten Traviata in Rouen. Die stimmlichen Mittel der jungen Amerikanerin beeindrucken durch ihren Umfang, ihre Projektion und den Glanz der hohen Töne, unterstützt durch eine ausgefeilte Technik, die eine höchst spektakuläre Bewältigung der Koloraturen ermöglichte; dies gipfelte in einer Wahnsinnsszene, die beim Publikum wahre standing ovations auslöste. Chelsea Lehnea verkörpert eine Lucia mit halluzinatorischen und entrückten Zügen, die bisweilen von Wut- oder Verzweiflungsausbrüchen durchbrochen werden. Ein darstellerisch wie vokal vollendetes Porträt, das zweifellos zu den besten Interpretationen dieser Partie in den letzten Jahren zählt.

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Die eigentliche Entdeckung des Abends war jedoch der sehr junge rumänische Tenor Paul Lungu, der erst während der Generalprobe für den ursprünglich vorgesehenen Interpreten der Edgardo-Partie eingesprungen war. Eine Stimme von wunderschöner Klangfarbe, mit einem reichen und bis zum Es im Duett mit Lucia – einem von Tenören meist ausgelassenen Ton – hinaufreichenden Höhenregister, die zudem zu faszinierenden Mezzavoce-Nuancen fähig ist. Ein Sänger mit beachtlichem Potenzial und ausgeprägter interpretatorischer Persönlichkeit, der durchaus eine erstklassige internationale Karriere anstreben kann. Hervorragend auch die Leistung von Johannes Kammler, der einen sehr überzeugenden Enrico zeichnete, geprägt von einem herrischen und bedrückenden Tonfall in der Phrasierung. Ebenso souverän agierte der polnische Bassist Adam Palka, der die einschmeichelnde, pathetische Art Raimondos wirkungsvoll zur Geltung brachte. Das Publikum applaudierte nach jeder Arie und bereitete dieser wahrhaft bewegenden Aufführung am Ende einen triumphalen Erfolg.








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