Staatsoper Stuttgart – Příhody lišky Bystroušky (Die schlaue Füchsin)

Foto ©Martin Sigmund

Nach dem Crossover-Saisonauftakt mit My Way widmete die Staatsoper Stuttgart die erste Opernproduktion der Saison einer Oper von Leos Janáček, dessen Werke hierzulande regelmäßig aufgeführt werden. Die künstlerische Leitung wählte für die Eröffnung Das schlaue Füchslein, eine der bedeutendsten Opern des mährischen Komponisten. In Deutschland wurde Janáčeks künstlerische Größe vielleicht früher als in anderen Ländern erkannt, und seine Werke wurden ab den 1920er-Jahren regelmäßig an deutschen Theatern gespielt. Otto Klemperer dirigierte im Dezember 1922 die erste Aufführung von Kat’a Kabanová außerhalb der Tschechoslowakei in Köln, ein Jahr nach der Uraufführung und nur wenige Tage nach dem triumphalen Erfolg der Premiere in Prag. Das schlaue Füchslein (Originaltitel: Příhody lišky Bystroušky), eine Oper in drei Akten und neun Szenen, entstand zwischen 1922 und 1924, unmittelbar nach Kat’a Kabanová und vor Věc Makropulos. Das Libretto verfasste der mährische Komponist selbst und es basiert auf einem Comicstrip aus der Zeitung Lidové noviny, illustriert von Stanislav Lolek, der wiederum von einer Geschichte Rudolf Těsnohlídeks inspiriert war. Die Idee, dieses Thema zu verwenden, soll Janáčeks Haushälterin Maria Stejskalova, eine begeisterte Leserin der Zeitung, angeregt haben. Die Uraufführung fand am 6. November 1924 im Nationaltheater in Brünn unter der Leitung von František Neumann statt, einem engen Freund Janáčeks und dem Uraufführer dreier weiterer Werke des Komponisten. Die Oper feierte in seiner Heimat sofort großen Erfolg und kurz darauf auch in Deutschland, wo sie 1927 in Mainz in einer deutschen Übersetzung von Max Brod uraufgeführt wurde. Brod war Schriftsteller und Essayist und vor allem als enger Freund und erster Biograf Franz Kafkas bekannt. Er gehörte zu den ersten, die Janáčeks Musiktheater im deutschsprachigen Raum populär machten. Die Musik besticht durch ihre originelle Inspiration und ist reich an Intuitionen und harmonischen Lösungen, die Janáčeks stilistische Natur des 20. Jahrhunderts vollends zum Ausdruck bringen. Dieser Stil manifestiert sich in der Definition einer höchst persönlichen Variante eines Prozesses der Auflösung und Transzendenz der Tonalität.

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Die Staatsoper Stuttgart beauftragte den 66-jährigen Regisseur Stephan Kimmig mit der Inszenierung dieser Neuproduktion. Der geburtiger Stuttgarter hatte hier zuvor bereits Der Prinz von Homburg und Das Rheingold inszeniert. Michael Levines Bühnenbild verlegte die Handlung in einen geschlossenen Raum, der einen Fuchsbau darstellte, zunächst hinter einem asymmetrischen Holzrahmen verborgen und mit einer eher abstrakten Atmosphäre. Technisch war die Inszenierung gut durchdacht und detailreich gestaltet, doch die Idee, die Tierfabel von Anfang bis Ende als menschliches Drama zu präsentieren, wirkte nicht ganz überzeugend. Janáček selbst sprach von einer Waldidylle, und nur wenige, kaum angedeutete Bezüge sollten die möglichen Parallelen zwischen menschlicher und tierischer Existenz hervorheben. Kimmichs Inszenierung überbetonte diese Aspekte jedoch möglicherweise. Zudem war die etwas kitschige Eröffnungssequenz, die durch die Animation von Strichmännchen und einen billigen vorab aufgenommenen Rap eine deutschsprachige Zusammenfassung der Handlung dieser subtilen Geschichte über die Begegnung zwischen Tier- und Menschenwelt präsentierte, völlig überflüssig, da sie weder visuell noch akustisch mit der Ästhetik des Stücks harmonierte.

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Die musikalischen Darbietungen waren jedoch von exzellentem Niveau, allen voran dank dem Dirigat der 45-jährigen französischen Dirigentin Ariane Matiakh, der Chefdirigentin der Württembergischen Philharmonie Reutlingen. Perfekt unterstützt vom Staatsorchester Stuttgart, das wie immer zu den besten deutschen Instrumentalensembles zählt, bewies die Pariserin große stilistische Affinität zu dieser Musik, profunde Partiturkenntnis und bemerkenswerte interpretatorische Wärme. Die Besetzung wirkte in allen Rollen homogen und absolut intonationsrein. Besonders hervorzuheben waren die Leistungen der beiden Haupsolistinnen. Claudia Muschio bereicherte die Galerie ihrer Interpretationen, die sie zu einem Publikumsliebling in Stuttgart gemacht haben, um ein weiteres Porträt. Mit ihrer süßen, gleichmäßigen Stimme und ihrem souveränen, mühelosen Bühnenspiel verkörperte die Sängerin aus Brescia eine rebellische, freche und beinahe feministische Bystrouška, quasi ihrer Zeit voraus. In der Rolle des Lišák überzeugte die schwedische Mezzosopranistin Ida Ränzlöv, die sich in den letzten Jahren durch ihre exzellenten Leistungen in verschiedenen Rollen an der Staatsoper hervorgetan hat, mit einer technisch einwandfreien Stimme und einer äußerst treffenden Phrasierung. Auch der polnische Bariton Paveł Konik war hervorragend und demonstrierte in der Rolle des Jägers (Revírník) eine prägnante Deklamation und eine bemerkenswerte Phrasierung. Unter den übrigen Darstellern stach der Wiener Bassbariton Michael Nagl in der Rolle des Harašta besonders hervor. Die Leistungen aller anderen Ensemblemitglieder in den Nebenrollen waren ebenfalls exzellent. Es war ein durchschlagender Erfolg mit fast zehn Minuten Applaus im ausverkauften Theater, und das war mir außerordentlich wichtig. Wenn das Stuttgarter Publikum selbst bei Stücken abseits des Mainstreams die Säle füllt, bedeutet das, dass die Bürger ihr Theater lieben und sich mit ihm identifizieren. Und das, möchte ich Ihnen sagen, ist einer der vielen Aspekte, die mich Deutschland und sein Kulturleben so lieben lassen.


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