Staatsoper Stuttgart – Dialogues der Carmélites

Foto ©Matthias Baus

Fünfzehn Jahre nach der letzten Inszenierung präsentierte die Staatsoper Stuttgart eine Neuproduktion von Dialogues des Carmélites. Die Francis Poulencs religiös inspirierte Werke begannen mit seiner Pilgerreise 1936 zum Heiligtum von Rocamadour, die seine Wiederentdeckung seiner religiösen Wurzeln markierte, beeinflusst auch vom tragischen Tod seines Freundes Christian Bérard. Dialogues des Carmélites, der Höhepunkt seines umfangreichen Schaffens in diesem Genre, ist ein Meisterwerk des Musiktheaters, in dem der Pariser Komponist eine Atmosphäre qualvoller Spannung von außergewöhnlicher tragischer Kraft erzeugt. Die persönlichen Erlebnisse von Blanche de la Force, einer jungen Frau aus aristokratischem Hause, die in einem Kloster Zuflucht vor ihren Ängsten suchte, sind eingebettet in das kollektive Drama der religiösen Verfolgung durch die Jakobiner während des Terrors, die die Ordensgemeinschaft des Karmeliterinnenklosters von Compiègne erfasste und zum kollektiven Martyrium der Nonnen führte. Die Partitur verkörpert perfekt die Kennzeichen seines späten Stils: makellose Stimmkontrolle, eine emotionale Intensität, die selbst in Strawinskys geistlichen Werken und vielleicht nicht einmal im jüngeren Messiaen ihresgleichen sucht, eine scheinbare Einfachheit, die raffinierte harmonische und formale Lösungen verbirgt, und eine ausdrucksstarke Nüchternheit in der Darstellung dramatischer Atmosphären von herzzerreißender emotionaler Intensität, die in der außergewöhnlichen Schlussszene ihren Höhepunkt erreichen: Die Nonnen singen das Salve Regina, während sie zur Guillotine geführt werden, und der Klang der fallenden Klinge unterbricht ihren Gesang mit einer unerbittlichen Kadenz. Es ist ein Moment von unwiderstehlicher theatralischer Wirkung, der zweifellos zu den ausdrucksstärksten Momenten der Opernkunst des 20. Jahrhunderts zählt.

Foto ©Matthias Baus

Was die 42-jährige polnische Regisseurin Ewelina Marciniak, der die Bühnengestaltung dieser Neuproduktion anvertraut wurde, von alldem verstand, bleibt mir ein Rätsel. Statt einer religiösen Gemeinschaft zeigte die Inszenierung im Grunde eine Art feministische Kommune, bewohnt von Hausbesetzern, die quasi im Stil von United Colors of Benettonbekleidet waren. Abgesehen vom völligen Missverständnis der von Poulenc geschaffenen mystischen Atmosphäre, die musikalisch keinen Raum für eine Fehleinschätzung lässt, möchte ich nur hinzufügen, dass die Schlussszene, in der die Hinrichtung der Feministinnen als Gang durch eine Art Tunnel dargestellt wurde, an dessen Ende sie nebeneinander auf dem Boden liegen, die tragische Qual der Bühnensituation völlig unpassend verdeutlichte. Und hier beende ich das Ganze, denn dieser Katalog von politically correct und billigem Woke-Unsinns verdient keine weitere Diskussion.

Foto ©Matthias Baus

Wie so oft bei solchen Anlässen bot auch an diesem Abend eine exzellente musikalische Aufführung Trost für den von den Effekten des Regietheaters gelangweilten Zuschauer. Cornelius Meister dirigierte wunderschön, sowohl durch seine ausdrucksstarke Eloquenz als auch durch seine interpretatorische Tiefe, und leitete ein Staatsorchester Stuttgart in wahrer Höchstform. Der hannoversche Dirigent meisterte die komplexe Orchesterpartitur und schuf nuancierte Klangfarben von großer Raffinesse. Seine Interpretation war nüchtern, spannungsgeladen und schauspielerisch makellos, wobei er die scharfen Dissonanzen und die Modernität mancher harmonischer Lösungen perfekt hervorhob. Unter den Sängern stachen die großartigen Darstellungen von Evelyn Herlitzius als Madame de Croissy und Simone Schneider als Madame Lidoin, die nach ihrem Tod deren Nachfolgerin als Priorin wurde, besonders hervor. Die Darstellung der Blanche de la Force durch die amerikanische Mezzosopranistin Rachael Wilson, eine Sängerin, die in den vergagenen Jahren bereits in mehreren Rollen vom Publikum der Staatsoper Stuttgart Beifall erhalten hat, war ebenfalls sehr wirkungsvoll, dank der Effektivität ihrer Phrasierung und der schmerzhaften Intensität ihrer Bühnenfigur. Auch Diana Hallers Interpretation der Mére Marie war mit ihrer qualvollen und halluzinatorischen Phrasierung sehr gelungen, ebenso wie Claudia Muschios Darstellung der Sœur Constance, die die Sanftmut der Figur wunderbar zum Ausdruck brachte. Ebenfalls stimmlich und schauspielerisch überzeugend waren Shigeo Ishino als Marquis de la Force und Cameron Becker als Chevalier. Unter den Nebenrollen verdient Torsten Hofmann, der führende Charaktertenor der Staatsoper und ein durchweg überzeugender Interpret zahlreicher sehr unterschiedlicher Rollen, besondere Erwähnung. Seine Darbietung des Bleichvaters war gesanglich brillant und teatralisch perfekt. Auch alle anderen Interpreten der zahlreichen Nebenrollen und des Chors, einstudiert von Manuel Pujol, spielten hervorragend. Ein durchschlagender und wohlverdienter Erfolg für alle musikalischen Mitwirkenden, dem ich voll und ganz zustimme, und ebenso für das Regieteam, mit dem ich überhaupt nicht übereinstimme.


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