
Foto ©Martin Sigmund
Die Saison der Staatsoper Stuttgart endete mit der Wiederaufnahme von Jossi Wielers und Sergio Morabitos Rigoletto-Inszenierung aus dem Jahr 2015. Eine Produktion, die damals von der Kritik einhellig gelobt wurde, sich zehn Jahre später jedoch als sehr schlecht gealtert erweist. Nachdem ich sie in den letzten zehn Jahren viermal gesehen habe, kann ich bestätigen, dass der größte Fehler dieser Inszenierung weniger in der zeitlichen Verlagerung in die Zeit des Komponisten liegt, die alles in allem recht harmlos bleibt, als vielmehr in der Verzerrung vieler Aspekte der Dramaturgie. Besonders der zweite Akt, in dem das ironische Gelächter der Höflinge während Rigolettos Arie in krassem Widerspruch zu der herzzerreißenden Intensität der Musik steht, gefolgt vom Auftritt der entjungferten Gilda, die in ein Tosca-Kleid gekleidet ist und sich eher wie von einem Wutanfall gepackt verhält als wie tödlich enttäuscht und niedergeschlagen, als sie entdeckt, dass sie von ihrem Geliebten betrogen wurde, zeugt von einem völligen Unverständnis für Verdis Absichten und die dramatische Struktur, die er mit der Vertonung des Textes schuf, den der Librettist Francesco Maria Piave aus Victor Hugos Drama Le Roi s’ amuse adaptiert hatte.

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Es sind Mängel und Verzerrungen, die die dramatische Struktur einer Inszenierung völlig entkräften, die ästhetisch insgesamt durchaus ansprechend ist, aber an mehreren Stellen die Persönlichkeit der Figuren verzerrt und sie Handlungen und Gefühle ausdrücken lässt, die sich der Autor nie hätte vorstellen können. Dies sind die Probleme, die das Regietheater plagen: Meiner Meinung nach die Unfähigkeit heutiger Regisseure, sich mit Mythen und Geschichten der Vergangenheit auseinanderzusetzen, die nur als bürgerliches Drama und/oder als Wirrwarr psychologischer Konflikte wahrgenommen werden. Diese Mentalität lässt uns über die aktuelle „Mode“ des bürgerlichen Dramas um jeden Preis nachdenken, über den Verzicht auf die Fabel als Metapher (ersetzt durch metaphorische Konnotationen der Realität) und über das – oft geradezu exzessive – Beharren darauf, alles durch die Linse eines billigen Jungianismus zu visualisieren. In dieser Hinsicht hatte Emil Cioran Recht, als er feststellte, dass tausend Jahre Kriege den Westen geprägt haben, aber ein Jahrhundert Psychologie genügte, um ihn in Stücke zu zerschlagen.

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Glücklicherweise tat all dies der Leistung der Sängerbesetzung keinen Abbruch, die zweifellos ein sehr gutes Niveau erreichte. Das Dirigat von Andriy Yurkevich, einem ukrainischen Musiker, der seit mehreren Jahren in Italien lebt, zeugte von bemerkenswerter dramatischer Intensität und großer Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse der Sänger, die mit Flexibilität und Anpassungsfähigkeit einhergingen. Glücklicherweise tat all dies der Leistung der Sängerbesetzung keinen Abbruch, die zweifellos ein sehr hohes Niveau erreichte. Das Stuttgarter Staatsorchester setzte die Interpretationsideen des Dirigenten mit erlesenem Klang und tadelloser technischer Klarheit um. Was die Titelrolle betrifft, so war die Interpretation von Martin Gantner, einem sechzigjährigen Bariton aus Freiburg, der vor allem als Spezialist für das Wagner-Repertoire bekannt ist, zweifellos voller guter Absichten, konnte aber leider aufgrund seiner trockenen Stimme, die in den vielen Passagen mit hohem Register forciert und hölzern klang, nicht immer umgesetzt werden. Trotz der guten italienischen Aussprache des Sängers kam die komplexe Persönlichkeit des in seiner Vaterliebe verletzten Narren nur sporadisch zum Vorschein.

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Was die liebenden Paar angeht, lieferte Claudia Muschio, die als Gilda debütierte, eine hervorragende Leistung ab. Die junge Sängerin aus Brescia sang mit inspirierter Phrasierung, exquisit nuancierter Dynamik und meisterhaftem legato und porträtierte eine lebendige und sentimentale Gilda, reich an Pathos und jungfräulicher Naivität, bitterlich enttäuscht von der Realität, der sie sich gegenübersieht. Eine weitere großartige Leistung dieser jungen Sängerin, der meiner Meinung nach zweifellos eine Karriere auf hohem Niveau bevorsteht. Auch der brasilianische Tenor Atalla Ayan glänzte in der Rolle des Herzogs und verkörperte dank des fesselnden Timbres seiner wohlklingenden Stimme und seiner strahlenden, sinnlichen Phrasierung perfekt einen kühnen Verführer. Adam Palkas tiefe, dunkle Stimme passte perfekt zur Darstellung einer düsteren und bedrohlichen Figur wie Sparafucile. Auch die junge mexikanische Mezzosopranistin Itzeli del Rosario lieferte als Maddalena eine lebendige und sehr gut gesungene Interpretation. Ein triumphaler Erfolg für alle vor ausverkauftem Haus.
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