Staatsoper Stuttgart – Madama Butterfly (Wiederaufnahme)

Foto ©Martin Sigmund

Zur Weihnachtszeit präsentiert die Staatsoper Stuttgart traditionell Aufführungen des beliebtesten Repertoires. In diesem Jahr wurde die schöne Inszenierung von Madama Butterfly wiederaufgenommen, eine der letzten Produktionen unter Klaus Zeheleins Intendanz. Sie erfreut sich seit jeher großer Beliebtheit bei Kritikern und Publikum und wurde bereits über fünfzig Mal aufgeführt. Die klare und essenzielle Inszenierung rückt den dramatischen Kern der Geschichte perfekt in den Vordergrund und verzichtet auf jeglichen japanischen Schnickschnack. Die niederländische Regisseurin Monique Wagemakers betont eindringlich die Tragik einer einsamen Frau, die beschließt, alle Verbindungen zu ihrer Herkunftskultur abzubrechen, sowie die fortschreitende, bittere Desillusionierung von Cio Cio San, deren Traum von Emanzipation im Laufe der Ereignisse allmählich zerbricht. Karl Kneidls Bühnenbild ist beinahe minimalistisch: Die Bühne ist fast leer, nur wenige Einrichtungsgegenstände heben sich von einer diagonal verspiegelten Rückwand ab, die die Bewegungen der Schauspieler reflektiert. Lediglich einige wenige Chormädchen in Kimonos im ersten Akt deuten auf die japanische Umgebung hin, während die Protagonistin von ihrem Auftritt an westliche Kleidung trägt und sich im Verlauf der Oper obsessiv an ihr Hochzeitskleid klammert – ein Symbol der Zeremonie, das ihre Integration in die neue Gesellschaft verkörpern soll. Eine dramaturgisch äußerst gelungene Interpretation mit einer kohärenten und nüchternen Tragödie, die durch ein Spiel mit zurückhaltenden Gesten und vor allem durch ein wirkungsvolles Wechselspiel von Blicken und Gegenszenen zum Ausdruck kommt.

Foto ©Martin Sigmund

Cornelius Meisters Dirigat ergänzte diese Textinterpretation perfekt. Der Generalmusikdirektor der Staatsoper schuf eine straffe und hochdramatische musikalische Umsetzung mit zurückhaltenden Orchesterfarben und überwiegend straffen Tempi. In Meisters Interpretation wird gekünstelte Sentimentalität auf ein Minimum reduziert, und die gesamte Handlung besitzt ein spannungsgeladenes, theatralisches Tempo, unerbittlich in ihrer Tragik, was auch durch die Hervorhebung gewisser Härten und harmonischer Spannungen in Puccinis Komposition erreicht wird. Eine sorgfältige, wirkungsvolle und makellose Inszenierung, sowohl in ihrer akribischen Interpretation als auch in ihrer dramatischen Ausgewogenheit. Besonders lobenswert ist die Entscheidung, die orchestralen Übergänge zwischen dem Coro a bocca chiusa und dem instrumentalen Intermezzo, die bereits in den ersten Aufführungen dieser Produktion getroffen wurden, wieder einzuführen. Diese Übergänge waren in der Originalfassung von 1904 vorhanden und wurden von Puccini ab der zweiten, in drei Akte unterteilten Partitur durch eine cadenza perfetta nach dem Chor ersetzt. Dieses Detail verleiht der Entscheidung, die Oper – wie ursprünglich vom Komponisten vorgesehen – in nur zwei Akten aufzuführen, zusätzliche Stimmigkeit. Das Stuttgarter Staatsorchester setzte die Intentionen des Dirigenten bewundernswert um und bot dem Gesang eine perfekte, melodisch flexible Begleitung.

Foto ©Martin Sigmund

Für diese Wiederaufnahme sang die russische Sopranistin Anna Princeva die Titelrolle. Die 45-jährige gebürtige Petersburgerin mit einer beachtlichen internationalen Karriere gab mit diesen Aufführungen ihr Stuttgarter Bühnendebüt. Ihre Darstellung der unglücklichen japanischen Geisha war dank ihrer nuancierten Phrasierung und bemerkenswerten Stimmsicherheit zweifellos gelungen, auch wenn ihre Stimme in den tieferen Lagen etwas an Qualität einbüßt. Die junge schwedische Mezzosopranistin Ida Ränzlöv überzeugte ebenfalls als Suzuki, eine Figur, die in dieser Inszenierung als Spiegelbild der Gefühle des Protagonisten besonders hervorgehoben wird. Der brasilianische Tenor Atalla Ayan bot eine bewundernswerte Leistung als Pinkerton, sowohl gesanglich als auch schauspielerisch. Mit seiner exquisiten und strahlenden Stimme unterstrich er den Charakter eines Verführers, der sich der Folgen seines Handelns nicht bewusst ist. Der italienische Bariton Lucio Gallo lieferte eine herausragende Leistung als Sharpless ab und hob die väterlichen und beschützenden Züge der Figur durch seine überzeugende Bühnenpräsenz und subtile Phrasierung im zweiten Akt wirkungsvoll hervor. Torsten Hoffmanns Goro war lebhaft und stimmlich brillant; er fing die Boshaftigkeit und die verkappte Heuchelei der Figur hervorragend ein. Auch die übrigen Nebenrollen waren gut besetzt. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, darunter viele junge Zuschauer, und die Aufführung war ein voller Erfolg.


Scopri di più da mozart2006

Abbonati per ricevere gli ultimi articoli inviati alla tua e-mail.

2 pensieri riguardo “Staatsoper Stuttgart – Madama Butterfly (Wiederaufnahme)

  1. Sehr geehrter Herr Mussomeli,

    am Sonntag haben meine Begleiterin und ich Sie vor der Vorstellung kurz begrüßen können. Ich danke Ihnen für Ihre vorzügliche fachlich kompetente Rezension, in der Sie unser Urteil bestätigt haben. Auch uns hat die Aufführung sehr gut gefallen.

    ch werde am 16.Januar 2026 die „Butterfly“ mit Tochter und Enkeltochter noch einmal besuchen. Am 2.April 2006 habe ich Frau Monique Wagemakers und viele Solisten nach der Vorstellung in der damaligen Kantine persönlich kennen gelernt. Karine Babajanian, Brandon Jovanovich und Giovanni Meoni haben damals die Hauptrollen gesungen.

    Ich wünsche Ihnen jetzt schon ein gesegnetes Weihnachtsfest, alles Gute für das neue Jahr 2026, in dem wir uns hoffentlich wieder im Opernhaus treffen und grüße Sie herzlich

    Ihr Lothar Schwietz

    "Mi piace"

    1. Sehr geehrter Herr Schwietz,
      vielen Dank für Ihre freundlichen Worte der Anerkennung meiner Arbeit.
      Ich wünsche Ihnen ebenso eine friedliche und gesegnete Weihnachtszeit.

      Herzliche Grüße

      Gianguido Mussomeli

      "Mi piace"

Lascia un commento

Questo sito utilizza Akismet per ridurre lo spam. Scopri come vengono elaborati i dati derivati dai commenti.