Staatsoper Stuttgart – Werther

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Foto ©Philip Frowein

Nach 487 Tagen, einer Pause, die es selbst während des Zweiten Weltkriegs noch nie gegeben hatte, veranstaltet die Staatsoper Stuttgart wieder eine Operninszenierung. Es ist sicherlich eine positive Sache und etwas zu feiern, aber leider ist es noch keine Rückkehr zur Normalität. Tatsächlich wurde diese wegen der Pandemie zweimal verschobene Neuinszenierung von Massenets Werther mit dem absurden Hygienekonzept inszeniert, das zur Verdammnis der Theater geworden ist. Das Ergebnis dieser Operation war eine echte Falschdarstellung des präsentierten Stücks. Was wir sahen, war praktisch keine Inszenierung, sondern eine konzertante Aufführung. Zur Verteidigung der Arbeit des Regisseurs Felix Rothenhäuser muss jedoch gesagt werden, dass es mit den Kriterien der Distanzierung absolut nicht möglich ist, eine Theaterveranstaltung glaubwürdig zu inszenieren. Von Regie oder Schauspiel war in dieser Produktion keine Spur. Auf einer leuchtenden kreisförmigen Plattform, die wie die Tanzfläche einer billiger Vorstadtdisco aussah, liefen die Sänger im Kreis herum, ohne sich jemals zu nähern. Das Orchester wurde in den hinteren Teil der Bühne verbannt und auch die obige beschriebene Plattform besetzte einen Teil des Parkett. Mit diesen Räumlichkeiten könnte absolut keine Art von Veranstaltung stattfinden. Dazu kam ein durch starke Schnitte verstümmelter musikalischer Teil, durch den vier Charaktere und eine gute halbe Stunde Musik komplett weggelassen wurden. Natürlich wurden alle Szenen, in denen mehr als zwei Charaktere mitspielten, gekürzt, wodurch der gesamte theatralische Mechanismus des Stücks vollständig zerstört wurde. Das Endergebnis, das dem Publikum präsentiert wurde, war daher eine konzertante Aufführung eines gekürzten Textes.

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Foto ©Philip Frowein

Nach allem, was ich beschrieben habe, war die musikalische Darbietung von Anfang an eindeutig kompromittiert. Von dieser Aufführung hatte ich auch noch eine weitere Bestätigung für etwas, worüber ich schon lange nachgedacht habe. Wenn das Orchester auf Distanz sitzt, ist keine Interpretation möglich. Der Dirigent kann nur prüfen, ob alle die Musiker zusammen spielen, mehr geht nicht, weil es einfach unmöglich ist. Aus diesem Grund kann ich zum Dirigat von Marc Piollet keine Meinung äußern, die zudem stark bestraft durch die Abstiegsposition des Orchesters im hinteren Teil der Bühne. Das Ergebnis war ein furchtbar nerviges Ungleichgewicht zwischen Instrumentalpart und Stimmen, die fast mitten im Parkett zu singen gezwungen waren.

In der Besetzung boten die weiblichen Stimmen einen viel besseren Beweis als die männlichen. Sehr gut wirkte die Charlotte dargestellt von Rachael Wilson, einer jungen amerikanischen Mezzosopranistin, die seit kurzem dem Ensemble der Staatsoper beigetreten ist. Die in Las Vegas geborene Sängerin ist eine sensible, musikalische Interpretin und sehr aufmerksam auf die Nuancen des Textes, und auch ihre französische Aussprache schien im Vergleich zu anderen Auftritten viel besser zu sein. Die junge irische Sopranistin Aoife Gibney, obwohl vom Regisseur gezwungen, sich ständig im Kreis zu bewegen und in einen ungewöhnlichen Tailleur im Domina-Stil gehüllt, zeigte in der Rolle der Sophie eine attraktive Stimmfarbe, frisch und leuchtend.

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Foto ©Philip Frowein

Wir kommen jetzt, um über männliche Stimmen zu sprechen. Die von Shigeo Ishino dargestellte Bailli kann ich nicht beurteilen, da die Rolle durch die starken Kürzungen in der Partitur minimiert wurde. In der Rolle des Protagonisten zeigte der 44-jährige mexikanische Tenor Arturo Chacón-Cruz eine natürlich schöne und sehr klangvolle Stimme, aber auch eine geringe Kenntnis der technischen Grundlagen der Kunst, stentoral singend, alles auf dem Forte- Mezzoforte und Kehle. Werthers Rolle ist für jede Stimme sehr anspruchsvoll, erst recht für „gehängte“ Stimmen wie diese. Und mit gehängt meine ich eine Stimme, die im Hals blockiert und gelähmt ist. Und hier ist die logische Konsequenz aus all dem: In den lyrischsten Momenten sah sich der Tenor gezwungen, immer mehr zu forcieren (z. B. in dem Monolog des zweiten Aktes und in die Strophen von Ossian) und erreichte das Ende mit ernsthaften Schwierigkeiten; in der hohen Lage war er stattdessen gezwungen, die hohen Töne aufzugreifen, indem er sie erzwang und ins Unmögliche trieb, während in der tiefen Lage die Stimme unweigerlich zusammenbrach. Zusammenfassend eine Charakterisierung, die den Bedürfnissen einer Figur, die Charisma und Phrasierungsphantasie erfordert, nicht angemessen schien. Der polnische Bariton Paweł Konik, der seit kurzem auch dem Stuttgarter Ensemble beigetreten ist, hat eine sonore und qualitativ gute Stimme. Leider hat seine Interpretation den Charakter der Rolle des Albert völlig falsch dargestellt, der sich in einen eifersüchtigen aggressiven, ewig wütenden, fast schon französischen Compar Alfio verwandelte. Reibungslos war der Auftritt des Kinderchores der Staatsoper unter der Leitung von Bernhard Moncado. Trotz dieser Mängel in der Veranstaltung applaudierten die Zuschauer, die nach langer Zeit glücklich in ihrer geliebten Halle sich wiederzusehen waren, allen Darstellern noch lange gleichermaßen. Leider wird es einige Zeit dauern, eine authentische Opernaufführung zu sehen.


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